Call for Papers «Multidirektionales Erinnern – im Klassenzimmer und darüber hinaus!?»
Eine Tagung des Centrums für Jüdische Studien und des Fachbereichs Geschichtsdidaktik des Instituts für Geschichte der Universität Graz im Rahmen des Sparkling Science Projektes: „Das Gedächtnis des Klassenzimmers. Multidirektionales Erinnern in Grazer Schulen.“
26.-27. November 2026
Forum Demokratieforschung Graz, Sterngasse 12, A-8020 Graz
Hintergrund:
Seit einigen Jahren evoziert der sogenannte „Historikerstreit 2.0“ geschichtswissenschaftliche und erinnerungspolitische Debatten. Im Kern stellt die postkoloniale Kritik die Frage, ob die staatlich geförderte Geschichtskultur mit dem Holocaust im Zentrum den postmigrantischen gesellschaftlichen Realitäten der Gegenwart ebenso wie der Heterogenität von Gewalterfahrungen der Zeitgeschichte noch gerecht wird (Neiman/Wildt 2022; Zimmerer 2023; Friedländer/Frei/Steinbacher/Diner 2022).
Angesichts sich stetiger wandelnder Zusammensetzungen der Klassenzimmer ist von diesen Fragen auch die inhaltliche Ausrichtung schulischer Curricula (und daran gekoppelt der Schulbuchliteratur) betroffen. So wurde bereits 2021 danach gefragt, «welche Zeitgeschichte» (Kühberger 2021, 770) eigentlich im Geschichtsunterricht gelernt werden solle. Spiegeln die hegemonialen Geschichtserzählungen noch immer die vielfältigen Erfahrungshintergründe der Bevölkerung wider?
Diesen Überlegungen möchte die Tagung «Multidirektionales Erinnern – im Klassenzimmer und darüber hinaus!?» nachgehen, die den wissenschaftlichen Abschluss des Sparkling-Science-Projekts „MEiK – Das Gedächtnis des Klassenzimmers. Multidirektionales Erinnern an Grazer Schulen» darstellt. Im Projekt haben Grazer Jugendliche knapp fünfzig biografische Leitfaden-Interviews mit ihren Eltern und Großeltern geführt. Daraus wurde in einer qualitativen Inhaltsanalyse (nach Kuckartz) empirisch ermittelt, welche historischen Narrative in den familiären Erinnerungen heute präsent sind, und wie das Erinnern als performative Praktik in den Familien angelegt ist. Mit diesen Befunden wurden Lehrpläne und historische Narrative österreichischer Schulbücher konfrontiert. Weiters wurde eine Wanderausstellung kuratiert, die ab September 2026 durch Österreich tourt.
Die Tagung «Multidirektionales Erinnern – im Klassenzimmer und darüber hinaus!?» richtet sich an Beiträger:innen aus unterschiedlichen Disziplinen (Geschichtswissenschaft, Geschichtsdidaktik, Pädagogik, Memory Studies, …), die sich an folgenden Leitfragen orientieren.
- Wie gestaltet sich heute das «Geschichtsbewusstseins in der Gesellschaft» (Jeismann) und welche Zeitgeschichte(n) werden in den Familiengedächtnissen auf welche Weise gespeichert und erzählt?
- Ist der Holocaust noch immer zentraler Bestandteil des «Geschichtsbewusstseins in der Gesellschaft» (Jeismann) oder finden sich in den Geschichtserzählungen der Bürger:innen nicht auch andere (koloniale) Gewalterfahrungen? Und damit verbunden:
- Wessen Geschichte wird trotz aller Bekenntnisse zur Diversität etwa in historischen Museen, Schulbüchern oder im Geschichtsunterricht (nicht) erzählt?
- Kann das Konzept von multidirektionale Erinnerung (Rothberg 2009eng./2021dt) für den Geschichtsunterricht fruchtbar gemacht werden und wie könnte dies vonstattengehen?
- Welche bildungs- und gesellschaftspolitischen Implikationen ergeben sich aus einer möglichen Diskrepanz zwischen öffentlicher und privater Erinnerung?
Die Beiträge können folgende Schwerpunktsetzungen vornehmen:
- Reflexionen zur aktuellen Geschichts- und Erinnerungskultur,
- geschichtswissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Konzept der multidirektionalen Erinnerung,
- geschichtsdidaktische Reflexion der Debatten im Rahmen des „Historikerstreits 2.0“,
- Implikationen der postkolonialen Kritik für Curricula und Schulbuchliteratur,
- Lehrplan- und Schulbuchanalysen vor dem Hintergrund multidirektionalen Erinnerns,
- die Relevanz von Erinnerungskonflikten bzw. deren Auswirkungen auf das „Geschichtsbewusstsein in der Gesellschaft“.
Organisatorisches:
Konferenzsprache ist Deutsch; aber auch englischsprachige Beiträge sind herzlich willkommen.
Vortragsdauer: 20 Minuten, anschließend 30 Minuten Diskussion.
Erbeten werden Abstracts im Umfang von max. 350 Wörtern in deutscher oder englischer Sprache bis 31.05.2026 an gedaechtnis.klassenzimmer@uni-graz.at.
Rückmeldung zu den Abstracts bis 30.06.2026
Die Vorträge werden in einem Tagungsband publiziert werden.
Die Organisator:innen bemühen sich um Förderungen, um die Reise- und Aufenthaltskosten zu übernehmen. Im Falle einer Teilfinanzierung werden Early Career Researcher:innen sowie prekäre Wissenschafter:innen bevorzugt behandelt.
Für die Konzeption verantwortlich: Melanie Göttfried, Gerald Lamprecht, Georg Marschnig, Maria Pasaricek, Esraa Shehata
Literatur
Friedländer Saul / Frei Norbert / Steinbacher Sybille / Diner Dan: Ein Verbrechen ohne Namen. Anmerkungen zum neuen Streit über den Holocaust, München 2022.
Georgi Viola B. / Lücke Martin / Meyer-Hamme Johannes / Spielhaus Riem (Hg.): Geschichten im Wandel. Neue Perspektiven für die Erinnerungskultur in der Migrationsgesellschaft. Bielefeld 2022.
Helfferich Cornelia: Leitfaden- und Experteninterviews, in: Baur Nina/Blasius Jörg (Hg.) Handbuch Methoden der empirischen Sozialforschung, Wiesbaden 2014, 559–574.
Katzier Jasmin / Kühberger Christoph: Normative Geschichtsräume. Eine empirische Skizze zu österreichischen Geschichtslehrplänen seit 1955. In: Österreich. Geschichte - Literatur - Geographie 4 (2022), 379-386.
Kuckartz Udo: Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Computerunterstützung. Weinheim/Basel 2018.
Kühberger Christoph: Zeitgeschichte und Geschichtsunterricht. In: Marcus Gräser/Dirk Rupnow (Hrsg.): Österreichische Zeitgeschichte /Zeitgeschichte in Österreich. Eine Standortbestimmung in Zeiten des Umbruchs. Wien 2021 (Böhlaus Zeitgeschichtliche Bibliothek, Bd. 41), 759–782.
Marschnig Georg: “Students like it, it’ still their Genre.” A qualitative Approach to Teacher’s Views on Holocaust Education with Comics. In: Hahn, Hans-Joachim; u.a. [Hg.]: Beyond MAUS. The Legacy of Holocaust Comics. Göttingen 2021, 289–304.
Neiman Susan / Wildt Michael (Hg.): Historiker streiten. Gewalt und Holocaust – Die Debatte, Berlin 2022.
Riesmeyer Claudia: Das Leitfadeninterview. Königsweg der qualitativen Journalismusforschung?. In: Jandura Olaf/Quandt Thorsten/Vogelgesang Jens (Hg.): Methoden der Journalismusforschung. Wiesbaden 2011, 223–236.
Rothberg Michael: Multidirektionale Erinnerung. Holocaustgedenken im Zeitalter der Dekolonisierung, Berlin 2021.
Yildirim Lale: Transkulturelles oder doppeltes semi-historisches Bewusstsein? Untersuchungen zum Geschichtsbewusstsein von Migranten der „dritten Generation“. In: Waldis Monika / Ziegler Béatrice (Hrsg.): Forschungswerkstatt empirisch 13, Bern 2014, 86–97.
Yildirim Lale: Der Diasporakomplex. Geschichtsbewusstsein und Identität bei Jugendlichen mit türkeibezogenem Migrationshintergrund der dritten Generation, Bielefeld 2018.