Geschichte begegnet uns nicht nur in Schulbüchern, Museen und Gedenkstätten. Sie wird auch in Familien erzählt, weitergegeben und erinnert. Doch finden all diese Erzählungen Eingang in unser gemeinsames Erinnern?
Seit 2022 wird im Rahmen des sogenannten Historiker:innenstreits 2.0 darüber diskutiert, ob eine auf den Holocaust ausgerichtete österreichische und deutsche Erinnerungskultur noch den Realitäten einer von Migration geprägten Gesellschaft entspricht. Dabei stellt sich auch die Frage, ob andere, insbesondere koloniale Gewaltverbrechen des 20. Jahrhunderts stärker berücksichtigt werden sollten. Ist der Holocaust weiterhin ein zentraler Bestandteil des historischen Bewusstseins aller Menschen, die in Österreich und Deutschland leben? Oder treten andere, auch koloniale Gewalterfahrungen hinzu? Und wessen Geschichten werden trotz des Bekenntnisses zu Diversität in historischen Museen und im Geschichtsunterricht erzählt?
Vielfältige Erinnerungen im Klassenzimmer
Diesen Fragen widmet sich das Sparkling-Science-Projekt „Das Gedächtnis des Klassenzimmers. Multidirektionales Erinnern in Grazer Schulen (MEiK)“. Gemeinsam mit Schüler:innen aus sechs Grazer Schulen untersuchen Georg Marschnig und Melanie Göttfried vom Arbeitsbereich Geschichtsdidaktik sowie Gerald Lamprecht, Maria Pasaricek und Esraa Shehata vom Centrum für Jüdische Studien an der Universität Graz, welche vielfältigen Erzählungen im Familiengedächtnis der Jugendlichen vorhanden sind und inwieweit diese im schulischen Geschichtsunterricht aufgegriffen werden.
Schüler:innen werden zu Forschenden
Schüler:innen der MS Straßgang, der MS St. Leonhard, der MS/BG/BRG Klusemann, des Akademischen Gymnasiums, des BG/BRG Oeversee und des Sacré Coeur wurden selbst zu Forschenden. Sie wählten jeweils ein Familienmitglied aus und zeichneten mit professioneller Ausrüstung lebensgeschichtliche Interviews auf. So entstanden insgesamt 45 Interviews in zehn Sprachen, die die Vielfalt Grazer Klassenzimmer widerspiegeln. Diese Gespräche bilden die Grundlage der Ausstellung „Unsere Geschichte(n)“, die von 16. bis 27. September 2026 im Museum für Geschichte in der Grazer Sackstraße zu sehen ist.
„Das Projekt ermöglicht es“, betont Geschichtsdidaktiker Georg Marschnig, „dass Jugendliche durch ihre Mitwirkung am Forschungsprozess selbstständig Handlungsmacht entfalten. Mit den von ihnen gesammelten Geschichten können wir gemeinsam ein Bild der Grazer Bevölkerung entwickeln, das nicht schwarz-weiß ist, sondern vielmehr bunt und vielschichtig. Ihre Geschichten stehen gleichberechtigt nebeneinander, ohne auf- oder abgewertet zu werden. Darin sehe ich die große Stärke unseres Projekts.“
Die Ausstellung gibt anhand der Themenbereiche „Prägende Momente“, „Glaube und Werte“, „Graz“, „Kindheit“ und „Familie“ Einblick in die Ergebnisse des Interviewprojekts. Zu sehen sind ausgewählte Videoausschnitte sowie Erinnerungsobjekte, die von den interviewten Familienmitgliedern während der Gespräche präsentiert wurden. Auch die Schüler:innen selbst kommen zu Wort und reflektieren ihre Erfahrungen im Projekt.
„Die Klassenzimmer und Wohnzimmer der Familien wurden zu Werkstätten, in denen vielfältige Erzählungen erhoben wurden“, beschreibt Gerald Lamprecht, Leiter des Centrums für Jüdische Studien, einen zentralen Aspekt des Projekts. Ein Farbsystem kennzeichnet die beteiligten Schulen, Schüler:innen und Familienmitglieder und führt die Besucher:innen durch die Ausstellung. Das Sparkling-Science-Projekt wird vom Bundesministerium für Bildung gefördert.
Mehr Informationen zur Ausstellung auf der Webseite des Museums für Geschichte in Graz