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Vortragsreihe: Demokratie als Herausforderung

Mittwoch, 11.01.2023

Illiberale Demokratien, neue autoritäre Regime, geringe Wahlbeteiligungen, Populismus, eine allseits konstatierte vermeintliche Politikverdrossenheit der jungen Generation und multiple Krisen setzen unser demokratisches System unter Druck. Sie machen klar, dass das Funktionieren und der Fortbestand der demokratischen Lebensform nicht ohne Anstrengungen und stete Selbstreflexion gesichert ist. Die Vortragsreihe „Herausforderung Demokratie“ beleuchtet das Konzept Demokratie aus Perspektiven unterschiedlicher geisteswissenschaftlicher Disziplinen und fragt nach den Beiträgen, die die Geisteswissenschaften auf die beschriebenen Krisen der Demokratie leisten können. Die Vortragsreihe richtet sich an eine universitäre ebenso wie außeruniversitäre Öffentlichkeit.

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Datum, Ort Titel, Vortragende/r Inhalt
01.02.2023
19:00–20:30
HS 06.03, Universitätsplatz 6, 8010 Graz

Demokratie lernen? Über Möglichkeiten und Grenzen der historisch-politischen Bildung

Angesichts multipler weltpolitischer Krisen, die auch und besonders in der Erzählung von der „Demokratie in der Krise“ gerinnen, wurde in jüngster Zeit die Überzeugung, Demokratie könne (und müsse) erlernt werden, aus verschiedensten Richtungen immer wieder bekräftigt. Der politischen Bildung in der Schule wird dabei stets eine besondere Rolle zugedacht. Die Förderung von Mündigkeit und Emanzipation sowie der Aufbau sogenannter Demokratiekompetenzen und die Befähigung zur Urteilsbildung sollen
in der „Höllenmaschine Schule“ (Didier Eribon, 2016) stattfinden – Demokratie auf diese Weise als Lebensform erfahrbar und damit als Basis eines „glücklichen Lebens“ (Gloe, 2022) verstanden werden. Trotz dieser recht hochgesteckten Ziele ist eine institutionelle Verankerung von „Demokratiebildung“, etwa als eigenes Unterrichtsfach in Österreichs Schulen, nicht in Sicht. Obwohl die Verknüpfung von funktionierender Demokratie und politischer Bildung („Demokratie ist Politische Bildung!“, Friedrichs 2020) schon fast als Gemeinplatz in öffentlichen Debatten erscheint, ist eine institutionelle Stärkung eben dieser Politischen Bildung nicht wahrscheinlich. Vielmehr suchen bildungspolitische Akteure ihr Heil im 1978 verfassten „Grundsatzerlass Politische Bildung“, der das Demokratielernen als Querschnittsmaterie allen Fächern überantwortet, und in der Verknüpfung von Citizenship Education mit dem historischen Lernen im Unterrichtsfach Geschichte. Beides erscheint, angesichts der etwa in der „Frankfurter Erklärung für eine kritisch-emanzipatorische Politische Bildung“ formulierten hohen Erwartungen, als ungenügender Rahmen für eine zeitgemäße Demokratiebildung. Wie die historisch-politische Bildung dennoch zum „Erlernen der Demokratie“ betragen kann und wo sie dabei an ihre Grenzen stößt, soll in dem Vortrag ausgeleuchtet und in kritischer Absicht diskutiert werden.

25.01.2023
19:00–20:30
HS 06.03, Universitätsplatz 6, 8010 Graz
Brauchen Demokratien ein Recht auf
Nicht-Übersetzung? Christina Korak, Rafael Schögler (Institut für Theoretische und Angewandte Translationswissenschaft)
Ein Recht auf Übersetzung wird oftmals als eine Voraussetzung für das Funktionieren einer (multilingualen) demokratischen Gesellschaft angesehen, da der Zugang zu Bildung, Gesundheitswesen, politischer Mitbestimmung und intellektueller Diskursführung nur durch eine geteilte Sprache möglich wird. Übersetzungspraktiken bilden dabei ein wesentliches Element, um gegenseitiges Verständnis zu ermöglichen. Eine (idealtypische) demokratische und inklusive Translationspolitik unterstützt mehrsprachige Teilhabe am kulturellen und politischen Geschehen und ermöglicht es öffentlichen Institutionen in Medizin, Justiz oder Bildung ihren gesellschaftlichen Aufgaben gerecht zu werden. Weniger beleuchtet wird hingegen das Gegenteil, nämlich das potenzielle Recht unübersetzt zu bleiben.
Welche Institutionen, Kollektive oder Einzelpersonen haben die Macht darüber zu bestimmen, welche Informationen preisgegeben werden?
Wie wird ausgehandelt, welche Inhalte interpretiert werden und welche kulturellen Ausprägungen repräsentiert werden? Translation geht stets mit Bedeutungsverschiebungen und der Macht einher, die Andere:n darzustellen. Es stellt sich uns daher die Frage, ob es in einer Demokratie daher auch die Möglichkeit eines Translationsverzichts (Prunč) von Seiten der Translator:innen geben muss und ob Individuen oder Gruppen entscheiden können (sollten), ob sie überhaupt übersetzt werden sollen oder
nicht. Diese Frage stellt sich ganz praktisch in mehrsprachigen gerichtlichen Verfahren oder bei gedolmetschten Gesprächen mit Ärzt:innen in europäischen Gesellschaften. Genauso betrifft das Recht unübersetzt zu bleiben die Darstellung von und Maßnahmen zur Zwangskontaktierung von in Abgeschiedenheit lebenden indigenen Bevölkerungsgruppen in Südamerikas Amazonastiefland. Der Vortrag wirft zunächst Fragen zum Recht auf Übersetzung sowie der Bring- und Holschuld zum Ermöglichen von Kommunikation, Repräsentation und Translation in mehrsprachigen Gesellschaften auf. Durch Reflexionen zur Situation der Tagaeri-Taromenani, –indigene Bevölkerungsgruppen aus dem Amazonasgebiet, die in Abgeschiedenheit leben – wird schließlich erörtert, unter welchen Umständen
in demokratischen Gesellschaften, Personen, Gruppen oder Institutionen einen Translationsverzicht rechtfertigen können.
11.01.2023
19:00–20:30
HS 06.03, Universitätsplatz 6, 8010 Graz

Memory institutions and everyday digital practices: Uses of cultural heritage and online ‘culture wars’
Chiara Zuanni (Zentrum für Informationsmodellierung)

The digitization of cultural heritage is often presented as a democratizing process, offering a broader access to the material and immaterial heritage informing a community’s identity. Digital media have also empowered communities in participating to the interpretation of cultural heritage, contributing their memories and perspectives. However, this digital transformation presents also challenges in regards of the possibilities of institutions to partake in it, the information and narratives that are shared, and the voices that are included in the process. Furthermore, cultural heritage is discussed and used online also by a variety of groups, which draw on memories and understandings of the past to support and foster a range of ideas and agendas.
This talk will draw on digital museology and critical heritage studies research to explore the uses of the past in a digital society and the EU policies in regards of heritage digitization and data, considering their relation to ideas of democracy.

07.12.2022
19:00–20:30
HS 06.03, Universitätsplatz 6, 8010 Graz
Demokratie und Utopie Herrschaft des Volkes und ideale Selbstwahrnehmung in Perikles‘ Gefallenenrede nach Thukydides Claudia Luchetti (Institut für Antike) Die Demokratie als Regierungsform und das Konzept der Demokratie selbst sind keine moderne Erfindung, sondern haben ihren Ursprung im antiken Griechenland zwischen dem 7. und 5. Jhd. v. Chr. Obwohl sie in der Gesetzgebungstätigkeit Solons (638 v. Chr.) und insbesondere in seiner politischpoetisch-philosophischen Konzeption der eunomia (gute Regierung) einen illustren Vorläufer hat, und obwohl sie später sowohl in der berühmten Verfassungsdebatte von Herodot (484 v. Chr.), sowie in den Tragödien des Aischylos (525 v. Chr.), insbesondere in den Schutzflehenden, zitiert als auch diskutiert wurde, und wenn es einen Text gibt, der als Manifest, ja sogar als ‘offizielle’ Geburtsurkunde der Demokratie gelten kann, dann ist es Perikles‘ Gefallenenrede, die der Historiker Thukydides in seinem Meisterwerk, dem Peloponnesischen Krieg (II, 37 1 ff.), wiedergibt. Perikles‘ Rede (495 v. Chr.), auf Altgriechisch epitaphios logos, wird zu Ehren der gefallenen Athener am Ende des ersten Jahres des Peloponnesischen Krieges (430 v. Chr.) gehalten.
Im Einklang mit der typisch griechischen Neigung, den Menschen als „politisches Tier“ zu betrachten, das nicht abgekoppelt von der Dimension seiner eigenen Polis vorstellbar ist, stellt Perikles‘ Epitaphios eine Verherrlichung der Demokratie nicht in ihrem abstrakten institutionellen Aspekt dar, sondern vielmehr als logische Konsequenz und Ausdruck des athenischen Geistes in politischer, wirtschaftlicher und soziokultureller Hinsicht.
Das athenische Wesen, sowohl als Individuum als auch als Gemeinschaft, wird von Perikles zu einem me schlichen Ideal erhoben, das als absolutes Paradigma für künftige Generationen gelten soll. Auf diese Weise wird die Demokratie gleichzeitig zur Verfassungsform der Polis und des Bürgers selbst und ist untrennbar mit dem Begriff der Utopie verbunden. Utopie bedeutet nicht notwendigerweise die Unrealisierbarkeit einer demokratischen Idee mit einer rein normativen Bedeutung. Die utopische Komponente in Perikles‘ leidenschaftlicher Rede evoziert vielmehr das enorme Potenzial, das die Demokratie den Bürgern der Polis zur Selbstgestaltung und zur Konstruktion ihrer eigenen Identität bietet, damit sie das werden, was sie wirklich sind.
Das ist das bleibende Vermächtnis der griechischen-attischen-athenischen Demokratie, ein wohl unvergleichliches Bewusstsein für die eigene Verfassung vereint mit einem Verständnis dieser Verfassung als Selbstverständnis. Aus diesem Vorbild können wir heute noch viel lernen.
23.11.2022
19:00–20:30
HS 06.03, Universitätsplatz 6, 8010 Graz

Gambling Brexit. Liberalistischer Nationalismus und Populismus aus Sicht der Europäischen Ethnologie/ Katharina Eisch-Angus (Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie)

Die erste moderne Demokratie, eine integrative Nation, eine Kultur ausgleichender Vernunft: So wurde Großbritannien anlässlich des Begräbnisses von Elisabeth II. einmal mehr vorgeführt. Zugleich erleben wir in den Krisen der Gegenwart, vor allem aber im Brexit-Desaster, wie das Land auf beispiellose Weise zum Spielball populistischer Cliquen und einer sensationshungrigen Presse wird. Wie lässt sich dies verstehen?

Der Vortrag geht dieser Frage zunächst im Rückblick auf die Genese des politischen Liberalismus im Rahmen dessen nach, was François Ewald mit Foucault die „Versicherungsgesellschaft“ genannt hat. Anhand von ethnografischem Forschungsmaterial wird dann gezeigt, wie alltägliche Lebenswelten ambivalent von spielerischer Risikolust und suggestiven Ängsten durchdrungen werden, in denen auch alte Nationalismen ihre Wiederkehr feiern.

!!!!ABGESAGT!!!!
09.11.2022
19:00–20:30
HS 06.03, Universitätsplatz 6, 8010 Graz
Das Ende der antiken griechischen Freiheit und Demokratie unter Rom/
Volker Grieb (Institut für Antike)

Die antike griechische Demokratie ist im modernen Verständnis eng verbunden mit dem Klassischen Athen und herausragenden Staatsmännern wie Perikles oder Demosthenes. Weniger bekannt ist, dass die Demokratie in der griechischen Stadtstaatenwelt auch über Athen und die Klassische Zeit hinaus eine weite Verbreitung besaß und sogar zu so etwas wie einer Standardverfassung wurde. Auch die großen monarchischen Territorialstaaten, die sich nach den epochemachenden Eroberungen von Alexander dem Großen herausgebildet hatten, führten nicht zu einem Ende dieser Demokratien – im Gegenteil. Es ist erst das imperialistische Auftreten Roms in der östlichen Mittelmeerwelt, das zu letztlich dauerhaften Veränderungen in allen demokratischen Stadtstaaten führen sollte und damit das unumkehrbare Ende der freiheitlichen antiken Demokratie bedeute.

Der Vortrag bietet einen Überblick über die Herausforderungen und Veränderungen, die sich für die Demokratien in der globalisierten Welt der nachklassischen Zeit zunächst durch die neuen und großen monarchischen Territorialstaaten, dann v.a. durch Roms Vormachtstellung im östlichen Mittelmeerraum ergaben. Dabei wird nicht zuletzt offensichtlich, dass in demokratischen Gemeinwesen die „Freiheit“ einen mindestens ebenso großen Wert besaß wie die Demokratie selbst und beide im Kern des demokratischen Selbstverständnisses untrennbar miteinander verbunden waren.

 

EINE VORTRAGSREIHE DER ARBEITSGEMEINSCHAFT „DEMOKRATIEFORSCHUNG“ DER GEISTESWISSENSCHAFTLICHEN FAKULTÄT DER UNIVERSITÄT GRAZ

 

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