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Die Karl-Franzens-Universität und das Jahr 1938

Christian Brünner, Rektor (1985-1989)

Auch die Universität blieb in der Zwischenkriegszeit nicht unberührt von fundamentalistischen Ideologien, tödlicher Intoleranz, zerstörerischem Irrationalismus und vom Schweigen derer, die gesehen haben und gesehen haben mußten, welches Fanal auf diesem Nährboden heranwächst. Auch an ihr feierten Ideologisierung und Irrationalität fatale Siege.

 

Schon während des Einmarsches deutscher Truppen in Österreich, also noch am Vormittag des 12. März 1938, sind Professoren außer Dienst gestellt worden, die dem neuen Regime nicht genehm waren. In den Tagen, die dem Einmarsch folgten, wurde nahezu die gesamte Führungsgarnitur der Universität ausgetauscht. Der dann amtierende Rektor telegrafierte den jubelnden Dank an Hitler, daß die Universität "jetzt als südöstlichste deutsche und Grenzlanduniversität unmittelbar teilhaben ... dürfe am glücklichen Wirken des deutschen Volkes".

 

Zur gleichen Zeit rollte die Verhaftungswelle auch über die Universität hinweg. Eine Reihe von Professoren und anderen Universitätsangehörigen wurde verhaftet, darunter Otto Loewi mit seinen beiden Söhnen.

 

In mehreren Siebungsdurchgängen wurden - sieht man von der Theologischen Fakultät ab, die im April 1939 überhaupt aufgelöst worden war - rund 17 % des Lehrkörpers, darunter 25 % der Professoren, entlassen. Unter ihnen befanden sich drei Nobelpreisträger, Otto Loewi, Viktor Hess und Erwin Schrödinger. Ende März 1938 begannen auch die Maßnahmen zur Erfassung der jüdischen Hörer an den österreichischen Universitäten. Ihre Promotion - bei der die Mediziner einen bedingungslosen Verzicht auf Ausübung des Berufes für das Reichsgebiet unterschreiben mußten - war einer eigenen Prozedur unterworfen. Die Promotion für jüdische Hörer war nicht öffentlich. Die Kandidaten durften keine Einladung zur Promotion aussenden. Die akademischen Funktionäre trugen keine Talare. Der Pedell nahm ohne das Universitäts-Zepter teil. Ansprachen hatten zu entfallen. Manchen von ihnen wurde das Doktorat überhaupt verweigert. Studenten und Absolventen sind ferner auch aus politischen oder religiösen Gründen drangsaliert worden.

Die 1938 aus rassischen, religiösen oder politischen Gründen vorgenommene Dezimierung der Studentenschaft an der Universität Graz war jedenfalls gravierend. Die Zahl der Studierenden sank vom Wintersemester 1937/38 bis zum Sommersemester 1938 von 2.015 auf 1.422.

 

Der einzige größere Bombentreffer an der Universität zerstörte 1945 das Arbeitszimmer Ludwig Boltzmanns; Boltzmann war einer der bedeutendsten Wissenschafter, die je an der Universität gelehrt haben. Herr Univ.-Prof.Dr. Heinz Mitter hat in seinen Promotionsreden zu Recht darauf hingewiesen, daß dieser Bombentreffer symbolischer Schlußpunkt für die Mißachtung des Geistes war, die in den Jahren vorher erfolgt ist.

 

Es ist bedrückend, feststellen zu müssen, daß die Hochschulen und die Wissenschaft im alten Österreich und in der Ersten Republik einen maßgeblichen Beitrag zu einem Geschehen geleistet haben, welches in die totale Mißachtung der Menschenwürde und des Geistes gemündet hat. Man spricht immer wieder von den sogenannten kleinen Leuten, die arbeitslos und hungrig im Nationalsozialismus den einzig möglich scheinenden Ausweg gesucht hätten. Legitimierenden und aktiven Anteil an jenen destruktiven Nährböden hatten jedoch Universitätslehrer und Studierende, dies gilt auch für die Universität Graz. Und es ist für mich auch bedrückend, feststellen zu müssen, daß sich an den Hochschulen nur da und dort eine vernehmbare Stimme der Kritik, der Warnung, des Widerstandes erhoben hat. Alles das sage ich nicht, weil ich mich für gescheiter, moralisch höherstehend oder mutiger betrachte. Ich anerkenne, daß jede Epoche, jede Generation, jede Entscheidungssituation Aspekte hat, die hic et nunc weder reproduzierbar noch gedanklich-emotional nachvollziehbar sind; daß Menschen auch durch die Zeit geprägt werden, in der sie leben; daß heroisches, nonkonformistisches Verhalten zwar leicht besungen, aber schwer gelebt werden kann.

Keine Epoche, keine Generation, kein Mensch kann sich aber dem Urteil nachfolgender Generationen entziehen. Dieser Sachverhalt gilt auch für uns, die wir heute in Staat und Gesellschaft Verantwortung tragen und die wir Mütter und Väter sind, gegenüber den uns nachfolgenden Generationen.

 

Heute muß man nüchtern das, was geschehen ist, analysieren. Man muß über die Vergangenheit informieren, auch darüber, daß einem das Hemd des eigenen Lebens und Fortkommens näher war, als der Rock der Kritik und des Widerstandes. Man muß verlangen, daß diejenigen, die damals Entscheidungen getroffen haben, nichts beschönigen, nichts uminterpretieren und Verantwortung tragen für das, was getan oder unterlassen worden ist, dies auch heute noch. Wir müssen unsere Väter und Mütter bitten, uns die Wahrheit zu sagen, auch die Wahrheit ihrer Schuld und ihres Versagens. Und man muß nachdenken darüber, was man heute tun kann, Entwicklungen von damals in Gegenwart und Zukunft hintanzuhalten, eine Aufgabe, der auch die Universität verpflichtet ist.

 

Es wird viel darüber gesprochen, wie Vergangenheit bewältigt werden kann. Unerläßlich sind dabei das Erinnern und das Einstehen für das, was getan oder unterlassen worden ist. Unerläßlich ist es, Schuld, Versagen und Unrecht, wann auch immer, wo auch immer und wem gegenüber auch immer geschehen, nicht einfach hinzunehmen und zur Ordnung des Tages überzugehen, sondern zum Anlaß zu nehmen, aktiv zu werden und beizutragen, daß Toleranz und Verstehen gestiftet werden. Unerläßlich ist es, Grenzlanduniversität in dem Sinn zu sein, gutnachbarliche Beziehungen zu Südosteuropa zu pflegen und Brücken zu schlagen zwischen verschiedenen Kulturen, Sprachen, Nationalitäten, Religionen und politischen Systemen.

 

Im Gedenken an die Vertreibung jüdischer Mitglieder der Universität ist im März 1988 über meinen Antrag vom Akademischen Senat der David-Herzog-Fonds gegründet worden. Der Fonds führt seinen Namen nach dem 1938 vertriebenen Landesrabbiner für Steiermark, Titularextraordinarius und Dozenten der semitischen Philologie an der philosophischen Fakultät der Universität, David Herzog. Aufgabe des Fonds ist die Vergabe von Stipendien an jüdische Studierende für ein Studium an der Karl-Franzens-Universität, die Vergabe von Stipendien an Studierende aus Österreich für ein Studium an einer israelischen Universität und die Förderung transnationaler Aktivitäten im Rahmen internationaler akademischer Mobilität sowie internationaler Forschungs- und Universitätskooperation zum Zweck der Förderung des interkulturellen Verstehens und Lernens speziell in Beziehung auf jüdische Kultur.

 

Warum all das? Weil es um Erinnern, Nachdenken, Integration von Schuld und Versagen, Umsetzen von Schuld und Versagen im positiven Tun geht - und um Distanz gegenüber stetiger, auch heutiger Versuchung sich einzuigeln, Anderssein zu denunzieren, den öffentlichen Raum durch Rückzug ins Private preiszugeben.

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Koordinator des DHF
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Dr. Gerald Lamprecht Telefon:+43 (0)316 380 - 8073
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